Timo Behn im Gespräch mit Dorothée Brill, Juni 2006

Zunächst eine simple Frage: Warum bist Du Maler? Anders ausgedrückt, warum ist Malerei das Medium, welches Dich vor allen anderen reizt? Und gibt es andere Medien in denen Du gearbeitet hast oder arbeiten willst?

Ich male, da ich Bilder gesehen habe und dadurch erkannte, dass dieses Medium meine Art ist zu kommunizieren. Hinsichtlich anderer Medien interessieren mich Fotografie und Film.

Da möchte ich eine weniger simple Frage hinterher schicken: Wie ist Dein Verständnis von Kunst und ihrer Funktion? Ein Aspekt ist bereits zur Sprache gekommen, nämlich Kunst als eine Mittel der Kommunikation. Kannst Du sagen, was der Inhalt dieser Kommunikation ist? Was ist es, das Du vermitteln willst und wie ist dabei Dein Verhältnis zum Betrachter?

Ästhetik bedeutet schlichtweg Wahrnehmung. Ich sehe Kunst als ein Form von relativer Realität unter anderen möglichen Realitäten oder auch Wahrheitsgeschehen.. Die Wahrnehmung dessen unterliegt einer ständigen Simulation, welche sich je nach Belieben verändert, was bedeutet, dass es kein endgültiges Wahrheitsgeschehen sprich keine greifbare Form von Realität gibt - folglich gibt es kein endgültiges Bild. Beides, das Bild und das Wahrheitsgeschehen erheben natürlich den Anspruch einer dauerhaften Gültigkeit. Doch diesen Anspruch kann ich nur verneinen; er besteht höchstens für den Bruchteil eines Augenblicks.
Hinsichtlich meines Verhältnisses zum Betrachter und dessen was ich vermitteln möchte... Es mag etwas unbeholfen klingen, aber den Betrachter sehe ich in aller erster Linie als Mensch mit Emotion, Freuden und Ängsten, so wie ich auch. Ihm gegenüber geht es mir nicht so sehr um die Vermittlung meiner inneren Befindlichkeit, auch wenn das teilweise mitschwingt. Das Ziel, das ich verfolge, ist rein bildnerisch. Ich finde im Bild lediglich ein Mittel, um das was ich wahrnehme wiederzugeben; das Bild als flache Architektur, als plane, farbige Umsetzung der mir sichtbaren Welt. Ich begreife meine Umwelt als variables Konstrukt, als ein Zusammenspiel aus Bewegung, Flucht, Fläche, Linien sowie der eigenen, augenblicklichen Empfindung. Ich war begeistert dies so zu begreifen, denn dass, was ich von nun an sah, hatte weder Stil noch Komposition und veränderte sich ständig. Meine emotionale Wahrnehmung ist hier eher Mittel zum Zweck und der Zweck ist die Schaffung eines aus meiner Sicht gelungenen Bildes. Als gelungen betrachte ich ein Bild dann, wenn es eine gewisse Kraft in sich hat. Diese Kraft könnte man als das Dinghafte beschreiben, sprich ein Gefühl des Realen, das im Bild mitschwebt. Dies ist eine Art von Kommunikation. Ich will nicht etwas ganz Konkretes kommunizieren oder darstellen, wie zum Beispiel einen Apfel. Kunstwerke handeln meines Erachtens immer von etwas, das uns angeht. Angehen verstehe ich hier im Sinne von berühren, doch berührt werden ist nicht gleichbedeutend mit verstehen. Meiner Meinung nach steht in der Kunst das Verstehen immer in Frage. Der Betrachter muss sich nicht zwangsläufig in meinen Arbeiten wiederfinden – schön wenn es passiert. Mir ist es wichtiger, dass etwas bleibt, wenn er sich vom Bild abwendet und geht.

Deine Antwort enthält die Überzeugung, dass es kein endgültiges, fertiges Bild gibt. Und tatsächlich ist es ja für Dich ganz typisch, dass Du ein ‚fertiggestelltes’ Bild, nach kurzer Zeit wieder hernimmst, veränderst und übermalst.

Ja, es gibt für mich kein endgültiges Bild. Mir stellt sich die Wirklichkeit als ein Vieleck aus Zeichen, Medien und Codes dar. Ich begreife sie visuell als ein Zusammenspiel aus Flucht, Flächen, Bewegung und Linien, die sich je nach Empfinden und der daraus folgenden Betrachtungsweise verschieben. Wie gesagt, Ästhetik bedeutet schlichtweg Wahrnehmung. Sprich, die Gegenwart des eigenen Daseins wahrnehmen und ihrer innewerden. Meine Art dies darzustellen, beruht auf einer teils intuitiven, teils durchdachten Arbeitsweise. Ich bin der Ansicht, dass jegliche Handlung erst einmal rein intuitiv ist und dass der Prozess des Bewusstwerdens Sekundenbruchteile danach erfolgt und erst dadurch die Handlung durchdacht erscheint. Folglich gibt es für mich umgekehrt aber auch keine reine Intuition während des Schaffensprozesses, da diese sich schon während des Arbeitens – wenn auch unbeabsichtigt – zu einem durchdachten bildnerischen Kalkül entwickelt. So male ich letztendlich nicht nach Lust und Laune wonach mir gerade zumute ist, sondern ich suche etwas ganz Bestimmtes. Wenn dies gefunden ist, erkenne ich, dass ich weiß, was ich will. Ich nenne dies ‚emotionale Intelligenz’. Das Auftreten des Ready-made legte nahe, dass der Künstler nicht neu schaffen sondern das bereits Vorhandene aufnehmen und wahrnehmen kann. Dies lässt sich als Hinweis begreifen, dass der Künstler nichts erfindet, sondern findet… er-findet. Meine Arbeitsweise beginnt ‚rein’ intuitiv, aus einem Gefühl heraus, welches mir sagt „mach dies und das und jetzt“, und endet ebenso, während ich von dem Wahrgenommenen abstrahiere und teils bewusst, teils unterbewusst deformiere. Zwischendurch stelle ich das eine oder andere Bild auf die Seite um später daran weiter zu arbeiten. Nun komme ich auf den Punkt: Nein, in der Malerei gibt es kein endgültiges Bild – im Unterschied zur Fotografie. Fotografie ist endgültig; sie ist absolut und verändert sich nicht. Wahrscheinlich ist das Foto das einzige Bild, das wahrhaft informiert, zumindest visuell gesehen; ein gemalter Todschlag ist weitaus weniger ergreifend als ein fotografierter. Die Endgültigkeit eines gemalten Bildes besteht lediglich darin, dass durch die geringste Veränderung sich der gesamte Inhalt ändert und ein neues Bild entsteht.

Du sagtest einmal Folgendes:„Was in meinen Bildern zu sehen bleibt, ist die Spur einer Geschichte, die von Gefühlen, Faszination und Aktion getragen ist, jedoch keinen Anfang, kein Ende sowie keinen anekdotischen Inhalt besitzt.“ Besteht dieses Bruchstückhafte nur für den Betrachter oder genauso für Dich, wenn Du ein Bild malst? Anders ausgedrückt, enthalten Deine Bilder für Dich eine fassbare, ‚vollständige’ Geschichte?

Nein, genauso wie es kein fertiges, endgültiges Bild gibt, genauso gibt es auch keine ‚ganze’, vollständige Narration. Es ist im Grunde vollkommen egal, was man für ein Bild betrachtet, ob Richter, Monet, Schnabel, Baselitz, Picasso, Duchamp, Moravec, ein beliebiges Zeitungsfoto oder das eigene Spiegelbild. Es ist immer nur der Bruchteil eines Ganzen, ein Augenblick. In meiner Kindheit und Jugend habe ich ein kleines Fotolabor gehabt und folglich sehr viel mit Fotografie gearbeitet. Die Masse an Filmen und Fotos, die ich in dieser Zeit gesehen habe, hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Malerei begreife ich hier als befreiende Erfahrung. In vielen meiner Arbeiten habe ich die Bildfläche durch einen vertikalen Streifen geteilt um das Bild in eine Art Band, einen Filmstreifen zu zerlegen, somit wird die Bildfläche zu einem Körper ohne Ende und Anfang – zum Bruchteil eines Geschehens. Teilweise habe ich diesen vertikalen Streifen wieder übermalt oder er bleibt nur angedeutet, um den Bruchteil doch wieder zu einem Ganzen zu fügen.

Du sprachst vorhin von der Wichtigkeit des Augenblicks, des Moments, der sich im Bild niederschlägt. Gleichzeitig beschriebst Du aber auch einmal das Glotzen und Lauern, dass sich zwischen Dir und der Leinwand entfaltet und eher einen langsamen Prozess suggeriert. Wie lange arbeitest Du in der Regel an einem Bild bevor es – wenngleich vielleicht nur für einen begrenzten Zeitraum – ‚fertig’ ist? Arbeitest Du an mehreren Leinwänden parallel, wechselst von einem zum anderen und entwickelst die Bilder einer Serie simultan?

Der Augenblick ist für mich sehr bedeutend. Wenn ich zum Beispiel eine leere Leinwand vor mir habe und ich gehe einem Gefühl, einer Intuition oder einer Idee nicht unmittelbar nach und beginne nicht im Hier und Jetzt dieses Gefühls, dieser Intuition oder Idee zu arbeiten, d.h. das erste gestalterische Element auszuführen, so ist das eigentliche, ‚richtige’ Bild verloren. Wie lange ich an einen Bild arbeite, kann ich nur schwer oder gar nicht beantworten. Es beginnt irgendwann und endet ebenso. Wenn ich nicht im physischen Sinne daran arbeite, so tue ich das psychisch, also ständig, auch an jenen Arbeiten, die ich als abgeschlossen betrachte, wobei ich wiederum nicht endgültig meine.
Für meine Arbeit spielt Simultaneität eine sehr große Rolle und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen arbeite ich an mehreren Leinwänden gleichzeitig, was man als schlüssige Folge meines ‚bruchstückhaften Sehens’ begreifen kann. Und zum zweiten geht es mir, wie bereits beschrieben, in vielen Arbeiten um die simultane Darstellung von Bewegung, Flucht, Fläche und Linie sowie der Emotion einer Situation, so wie es beispielsweise Braque oder Picasso um die simultane Darstellung von Licht, Raum und Form ging, also um die gleichzeitige Darstellung mehrerer Ansichten eines Gegenstands oder einer Person.

Wenn man Deinen Bildern einen kunsthistorischen Bezug geben möchte, so scheint dieser recht eindeutig bei der Pop Art zu liegen. Dieser Bezug ist bei weitem nicht nur durch inhaltliche Parallelen gegeben, d.h. durch das Einbeziehen von visuellen Elementen der Trivialkultur, sondern besteht auch stilistisch. Die Benutzung von Schablonen, die Reduktion von Gegenständen und Figuren auf Umrisslinien, Anklänge an Camouflagemuster etc. zeigen dies deutlich. Kannst Du etwas zu diesem Bezug sagen? Interessiert Dich vor allem die Auseinandersetzung mit Alltagskultur oder die Auseinandersetzung mit den Arbeitsweisen und Stilmitteln der Pop Art? Es fällt zudem auf, dass ein bestimmtes Repertoire an Motiven immer wieder in Deinen Bildern erscheint. Da gibt es z.B. eine Bierdose, einen tanzende Affen, ein verzückt in den Nacken gelegtes Frauengesicht, eine männliche Gestalt mit Kappe, weiter Jacke und ausgebreiteten Armen, etc. Wie gelangst Du zu diesen Motiven und wodurch gewinnen sie ihren Stellenwert?

Natürlich interessiere ich mich für das Alltägliche, sprich die Alltagskultur, und ja, ich arbeite unter anderem mit Schablonen sowie seriell. Die serielle Arbeitsweise ist zum ersten Folge davon, dass ich meine Umwelt als ein bruchstückhaftes Ganzes begreife, als ein Gemengsel unzulänglich betrachteter Erscheinungen. Zweitens schwingt natürlich auch ein gewisser Ehrgeiz mit, das schon Gesagte noch einmal aber besser zu beschreiben. Die Bilder lernen auf diese Weise voneinander und natürlich ich auch von ihnen. Gewiss erinnern einige Vorgehensweisen, Stilistik und Motive an die Pop Art, wie zum Beispiel die Bierdose oder das Bild-Bild. Ich benutze aber überwiegend Motive, die kaum oder gar nicht populär sind. Das liegt daran, dass ich mich nicht aus dem Repertoire von Medien, Werbung etc. bediene sondern meine Motive eher irgendwo finde. Es gibt kein bestimmtes Kriterium, woher meine Motive entstammen müssen, es muss einfach irgendwo in mir „wumm“ machen und das ist es. Danach entscheide ich, ob ich es verwenden werde oder nicht. Vernunft und Emotion geben sich hinsichtlich meiner Arbeitsweise sehr oft die Hand. Auf längere Sicht haben diese Motive aber keinen besonderen Stellenwert. Auf die Bierdose kann ich vielleicht etwas näher eingehen, denn hier gibt es tatsächlich einen benennbaren Hintergrund für die Motivwahl. Es ist eine leichte Abstraktion von Becks und man kann sie als ironische Anspielung auf die Campbell’s Suppendosen von Warhol begreifen, oder als Weiterführung dieses bildnerischen Weges unter Benutzung eines anderen Motivs. Aus diesem Grund habe ich auch die Bierdose nur mit Dosenlack gesprüht – den Siebdruck empfinde ich in dieser Hinsicht als veraltet.

Auffällig an Deinen Arbeiten ist auch, dass oft große Teile der Leinwand völlig unberührt bleiben, wie beispielsweise bei der jüngst entstandenen Serie „Vier Bilder vom Irak“. Zum einen also die Frage, was diese Leerstellen für Dich bedeuten und zum anderen, was hat Dich veranlasst diese Bilder mit einem deutlichen thematischen Bezug zu malen? Sind sie für Dich eine Form politischer Kunst?

Das Freilassen der Leinwand und die zunehmende Unvollständigkeit dieser vier neuen Arbeiten muss man als paradoxen Überschuss des Materials begreifen. Die Bilder werden dadurch zur bloßen Andeutungen einer Wirklichkeit; sie sind eine Art Ruine, ein Fragment. Das Material zeigt sich hier als ungestaltet, als etwas, das beim Schaffensprozess nur teilweise erfasst wurde. Dies lässt sich als Allegorie der Vergänglichkeit begreifen. Die Ungeheuerlichkeit des Nichts – das letzten Endes nichts anderes als den Tod meint. Meine Beweggründe für diese Bilder waren primär emotionaler Natur. Es hat mich schlichtweg berührt – ich kam einfach nicht umhin diese Bilder zu machen. Es war eine erschütternde Unruhe in mir. Ob es ein politisches Statement ist oder nicht kann ich nicht sagen; ich bin Künstler – ich fixiere meine Zeit. Vielleicht noch ein Wort zum Titel: Mit ihm wollte ich versuchen mir zwangsläufig ein Ende für diese Thematik zu setzten, also die Zahl der Bilder einzuschränken. Vielleicht hilft es.... ansonsten ist mir der Titel schnurz und ich mache mit diesem Thema weiter.

Was mich persönlich an Deinen Bildern reizt ist das Spiel mit Fläche und Tiefe, mit Räumen, die entstehen und im nächsten Moment, oder im nächsten Bildabschnitt, wieder auf die Fläche geklappt werden. Dies scheint zum einen mit der Vermischung von Abstraktion und Gegenständlichkeit verbunden und zum anderen mit dem Springen hinsichtlich der Größenverhältnisse der Gegenstände. Doch auch die für Dich ungewöhnliche Serie vollständig abstrakter Arbeiten, die Du direkt vor den Irak-Bildern gemacht hast, betreiben dieses Vexierspiel mit dem Raum. Im Unterschied zu Deinen anderen Arbeiten, bestehen diese Bilder aus geometrisch-geradlinigen Farbflächen. Doch auch hier entstehen unterschiedliche Räumlichkeiten innerhalb eines Bildes durch zueinender gekippte und sich zum Teil übereinanderlagernde Farbflächen. Was bedeutet dieser Schritt in die Abstraktion für Dich? Siehst Du ihn als eine grundlegende Veränderung oder eher als graduelle Verschiebung?

In gewisser Hinsicht ist dies zwar eine grundlegende Veränderung, aber ich denke doch, dass es sich letztlich eher um einen weiteren Schritt meiner bildnerischen Ausdrucksweise handelt, oder – besser ausgedrückt – es handelt sich um das Hinzukommen einer weiteren Möglichkeit. Ich denke, dass ich immer ein wenig pendeln werde zwischen beiden Arbeitsweisen, der gegenständlichen und der abstrakten. Bei den rein abstrakten Arbeiten beschäftige ich mich eingehender mit der Infragestellung der Wirklichkeit. Demzufolge bin ich wiederholt dazu übergegangen, den Bildträger nicht nur durch einen vertikalen Strich zu teilen, sondern tatsächlich in zwei Einzelelemente zu zerlegen, um nach der Fertigstellung des Bildes ein Verdrehen jeweils einer Hälfte zu ermöglichen, d.h. eine Bildhälfte auf den Kopf zu stellen. Ich empfinde die Entwicklung des Wahrheitsgeschehens, der so zusagenden Realität zunehmend als zu einem Scheinargument hin zu verlaufen, in sich verdreht, sich überlagernd. Welchem Bild von all den Bildern, die uns umgeben, können wir noch trauen? Diese Unsicherheit oder Einsicht hat zunehmend Auswirkungen bis tief in die eigenen Lebensbereiche hinein.

Willst Du noch etwas sagen, bevor wir zum Ende kommen?

Ja, an Dich gerichtet bedanke ich mich bei Dir für das interessante und schöne Gespräch – und an alle gerichtet – mach’s gut – mach’s nach – mach’s besser.

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